Törnbericht von Janine

TAGEBUCHAUSZUG von Janine N. aus GE.

Mitseglerin auf Yacht Christian Zaloudek beim Karibiktörn “Kleine Antillen” ab/bis Martinique. Für alle, die überlegen, ob sie mal einen Segeltörn machen.

Zur Autorin:

Die Autorin war noch nie vorher Segeln. Hatte dementsprechend keine Ahnung, auf was sie sich eingelassen hat. Weiter kannte sie keinen bis auf den Skipper Christian. Ursprünglich wollte sie nur für sich ihre Eindrücke in einer Art Tagebuch sammeln. Nachdem die erste Episode zufällig von einem Crew-Mitglied gelesen wurde, hat man darauf bestanden, weitere Episoden lesen zu wollen.

1. Tag: 14.6.2002 - Uhrzeit: ca. 13.00

Der Tag fing früh an, um 6.00 Uhr war die Nacht zu Ende.

Um halb 8 saßen wir beim Frühstück und haben die ersten Mängelpunkte feststellen müssen: Herrmann hatte Schwierigkeiten das richtige Maß an Kaffeemehl zu finden, dementsprechend mußten wir auf die 2. Kanne warten. Es gab weder Butter noch Frühstückseier. Uli hatte keinen Zucker für seinen Kaffee
Insgesamt hat sich die Crew für eine 3+ entschieden. Jetzt sind wir in See gestochen - oder so ähnlich - auf den Fall hänge ich vorne im Netz und versuche bei heftigem Seegang den Status der Lage zu dokumentieren. Für wen eigentlich?
 

Ach, was weiß ich - zumindest gebe ich mir alle erdenkliche Mühe und hoffe, daß das zählt, denn schließlich kann ich nicht viel mehr als Steuer- und Backbord auseinanderhalten und versuchen ----
--- Schnitt: gerade wird ein kaltes Döschen Bier gereicht - Ableger - Klasse! Danke. Nehm ich!
 

Es gibt noch festzuhalten, daß der erste Großeinkauf reibungslos über die Bühne gegangen ist und bis jetzt keiner krank ist. Das ist die Hauptsache, sagt Mama auch immer...
 

Ein halbe Stunde später...
 

Wir haben gekreuzt was das Zeug hielt - und - was haben wir jetzt davon??? Wir steuern auch einen Strand zu - sieht gut aus, aber die Hälfte der Crew weiß nicht, wo wir sind! Was tun? Hilferuf an den Kapitän!

Anker wird gesetzt - oha - Action - mein Gott, ist das laut! 10 m werden geschätzt - tja, mir fällt auf, daß ich noch keine versprochenen Delphine gesehen habe - so ein Beschiß - aber jetzt, hier wird es dramatisch - beim Anker setzen sind wir auf Leine gestoßen - puh, im letzten Moment und mit vereinten Kräften sind wir wieder auf Kette. Georg sagt, Leine liegt flach voraus - hm... Christian, unser Skipper, gibt Anweisungen von hinten - das beruhigt das Team - klare Instruktionen und wir haben wieder alles im Griff. Noch eben die Kette fieren - irgendetwas paßt doch noch nicht - auf Befehl noch mal alles von vorne! Ich denke, uns kann nichts passieren, denn Hawe (Hans-Werner) hat seine Handschuhe an und sieht damit so professionell aus - da brennt nix an!

Aber, wo sind die Delphine? Zurück zum Wesentlichen: Wir dürfen Schwimmen gehen!
15.00 Uhr

Wird zumindest geschätzt. Ich Ernte Hohn und Spott für meine Frage: "Mensch, wir sind doch im Urlaub!" Jau, Hermann hast ja auch Recht!

Ich kann es nicht fassen, ruhige See, kleiner Schwimmeinsatz bis zum Strand, Sand im Bikini und Salz auf meiner Haut. Jetzt habe ich mein 2. Bier im Anschlag. Hawe`s Uhr ist kaputt - nicht salzwasserfest.

Come back and stay - Paul Young trägt meine Gedanken weit, weit weg. Die Welt ist in Ordnung.
19.16 Uhr, Hawe ist total fit: Immer noch der 14.6., Uhrzeit unbekannt

Wir setzen uns mal mit unserem Boot auseinander. 3310 kg sind die erlaubte Zuladung. Der Kat hört auf den schönen Namen "Fiume Santu".

Das Abendessen war super - sollte jedoch jemand Hühnerknochen in seiner Koje finden, keine Beschwerden an mich. Hier fliegt alles über Bord. Wußte gar nicht, was man nicht alles im Meer entsorgen kann - da hätte ich im Studium (Entsorgungstechnik) wohl doch besser aufpassen müssen ... (Klarstellung für die Öffentlichkeit: entsorgt wurde nur, was unbedenklich war für die Umwelt - nur dieser freie Lebenstil war erwähnungsbedürftig). So, und jetzt sitze ich hier, habe den 7. Drink fest im Auge und gespült. Handschuh (das ist Hawe) spricht nicht mehr! Nicht mehr mit mir jedenfalls - muß ich morgen noch mal überprüfen. Vielleicht mag er seinen neuen Spitznamen "Handschuh" nicht besonders?

Aha, das Highlight des Abends wird hatten Besuch. Die Rentnerband mit Fiffi war hier - und auch sonst noch jede Menge Leute, deren Namen ich noch nicht kenne. Jedenfalls hat uns das nicht abhalten können unsere 3. Partie Abalone zu Ende zu spielen - und zwar ganz in Ruhe - mit viel Strategie und einem glasklaren Sieg von 2:1 für mich!

Ja, ja, ich weiß - Hochmut kommt vor dem Fall. Alles weitere morgen, denn hier kommt noch ein Absacker!

Heute ist Samstag.
Wir befinden uns in der St. Anne Bucht, haben gefrühstückt und machen uns startklar für die Überfahrt nach St. Lucia - wie man merkt bin ich heute bestens informiert. Allerdings versucht man seit 2 Tagen mir Geschichten von 4 m hohen Wellen zu erzählen - die Afrikawelle - ja sicher - ich glaube, diese Welle ist ganz schwarz und mindestens 40 m hoch! So ein Unsinn - na man wird sehen...
Das
Frühstück kam heute schon wesentlich besser rüber - fast einstimmig entschied die Crew sich für eine 2. Nur Hawe mußte wieder aus der Reihe tanzen und grummelte was von einer 3! Böööp - Strafzettel - sofort rechts ran! Ich sitze wieder im Netz - logo, mein Lieblingsplatz, das Runde (ich) muß halt ins Eckige (Netz) - Der Kapitän sorgt für die Bordsicherheit - alle Luken dicht - schließlich will hier keiner absaufen - jedenfalls nicht mit Salzwasser - grins.
 

15.6.2002, Uhrzeit: zwischen 4 und 5
Standort: Marigot Bay - J.J.'s Paradise
 

Wir haben die Überfahrt überlebt - nix 49 m Wellen - wie auch immer - 1 m Kabbelwellen haben auch gereicht. Irgendwann wurde mir leicht übel, Uli hielt sich tapfer, Andrea mußte passen. Selbst nachdem wir die turbulente See verlassen hatten, war ich in meiner Gesprächigkeit noch ca. 2h arg gehemmt. Die Sonne tat ihr übriges - meine Herren!

Mit dem Einlauf in die Marigot Bay nahm dann das Schicksal wieder seinen Lauf: Georg wollte nur mal eben den Anker vorbereiten und schon waren wir mal eben wieder bis zur Leine leergelaufen - nur unter Aufbieten aller ihrer Manneskraft gelang es dem Team Georg und Manfred den Anker zu retten - uff - da haben wir mal wieder so richtig Glück gehabt. Rettung in letzter Not. Dann haben wir einen echten Bananenverkäufer kennengelernt - auf Surfbrett mit Paddel -- klar, konnte mich dann auch nicht zurückhalten und habe erstmal eine kleine Bananenstaude gegen 6 Dollar und ein Bier getauscht - done deal!
 

15.6.2002 - mittlerweile 18.00 Uhr

Blick auf Palmen, das Wasser in der Bucht liegt still vor uns, die Sonne geht langsam unter und eigentlich bleibt einem nichts anderes übrig als diesen Moment in sich aufzusaugen, zu geniessen und bei Bedarf wieder abzurufen. Es ist schön, auf dieser Welt zu sein. ... und es geht uns verdammt gut!
Vorhin haben wir noch einen Allrounder in Sachen Entertainment zu Gast gehabt. Kieran, der Palmenkünstler hat uns für ein paar Dollar einen Zoo aus Blättern gebastelt.

Ansonsten bleibt anzuwarten, wie es sich mit der versprochenen lebenslangen Garantie
--- Einschnitt: Wir werden von rechts zugetextet:

"Es gibt gar keine Möwen in der Karibik!" - was übrigens nicht stimmt, wie sich später herausstellte. Außerdem: "Warum gibt es hier keinen Tidenhub?"

"Warum ist es hier so warm? Warum ist das Wasser salzig? Warum gibt es in Deutschland keine Palmen?" Fragen, die die Welt nicht braucht.

Dann kam: "Einräumen ist ja gut und schön, aber wenn man keine Schränke hat?"

Hilfe, jetzt aber genug mit den dummen Sprüchen von rechts - zurück zur lebenslangen Garantie.

Uli will sich das wohl merken für seinen Spielzeugautobusiness und damit ganz groß rauskommen - ich denke, er wird seinen Weg machen.
 

Nachtrag zum Limbo-Abend:

An diesem Abend war gemeinsames Abendessen mit Live-Band und anschließendem Limbo-Tanz angesagt. Wir schlugen uns über einen kleinen Holzsteg durch den Mangroven-Wald. Ziemlich schummerig und auf einmal gibt es vor uns einen Riesenknall. Bong!!! Aha, die erste echte Touristenfalle! Mitten auf dem Holzsteg hatte man eine Mangrove stehengelassen. Und genau die hatte Rainer von der Rentnerband wohl übersehen - autsch - stark abgeprallt und leicht benebelt torkelte er zurück - nichts passiert, aber wir haben gelernt, man muß auf der Hut sein, nicht nur vor Moskitos, die wohl gefallen an mir gefunden hatten. Jedenfalls waren meine Beine am nächsten Tag mit Stichen übersäht. Der Limbo-Abend selbst war prima - mal ganz davon abgesehen, daß der Limbo-Tänzer nichts besseres zu tun hatte als fünf von uns, darunter ich, auf die Bühne zu holen. So, habe ich zum ersten Mal Feuer geschluckt - und nicht gespuckt - was auch schon mal passiert ist!
 

16.6.2002 - Uhrzeit: nach zwei
 

Pha, ist das alles eine Scheiße hier! Um kurz nach 5 war die Nacht zu Ende, 68 Seemeilen lagen vor uns. Trotzdem - 5 Uhr!!! Nicht unbedingt meine Zeit! War mir auch sofort klar, daß das heute nix geben konnte - schon beim Anziehen des zweiten Sockens wurde mir ein bißchen schummerig. Eine Stunde später kamen die gerade mühsam reingezwängten Toasties mit affenartiger Geschwindigkeit wieder zum Vorschein. Tja, nach dem zweiten Gang ging's dann - 3 weiche Toasts haben mir dann über den Vormittag geholfen. Im Liegen ging's - alles andere hat entsprechende negative Konsequenzen. Wußte gar nicht, daß Essen so schwer sein kann. Zu allem übel knallt der Lorenz heute wie Teufel! Naja, ich bin noch guter Dinge, daß ich diesen Streß hier überleben werde.

Jetzt liegen wir in Bequia - Admirality Bay - es ist kurz nach 2 und wir liegen - ha, nein! Nicht vor Anker - sondern an einer Mooring Tonne. Damit gäbe es dann heute keine dramatische Anker-Setz-Aktion, sondern nur einen Uli mit Enterhaken zum Fang der Tonne.

Bevor wir hier auf den Grenadines schwimmen gehen können, muß erst noch die Toilette repariert werden - tja, gehört wohl dazu - genau wie die Matratze, die zum Trocknen auf dem Deck liegt, weil jemand vergessen hat, die Luke zu schließen! Jetzt - Live-Berichterstattung - vor meinen Augen kämpfen Christian und Uli mit dem Dingi. Es will nicht zu Wasser! Aber, die Szene kennt man mittlerweile: Ruhige Anweisungen seitens unseres Kapitäns und Uli mit Palmenhut kriegt ganz professionell das Dingi zu Wasser gelassen, der alte Seemann!

Hm, morgen werde ich wohl auch mal irgendeine Leine betätigen. Der Crew fällt langsam auf, daß ich bei der Maloche hier nicht mitanpacke. Aber wie auch - ohne Handschuhe? Tja, Reinhold, ich frag Dich...

Hermann frönt wieder seinem Hobby: Das Abendessen wird langsam vorbereitet - wird auch Zeit, denn schließlich ist das Frühstück ausgefallen. Der Vollständigkeit halber ist noch zu erwähnen, daß ich etwas für meine Gesundheit getan und ein paar Alibi-Übungen auf Deck ausgeführt habe. Ok, alles in allem gar nicht so übel hier.

Christian ist schon wieder unterwegs zum Zoll - mein Gott, der Junge hat auch so richtig Streß - wie ich!

Zur Zeit wächst der Gedanke, wie wir unsere vielfältigen Talente hier in eine lukrative Geschäftsidee umsetzen können? Wir haben einen Sheriff, einen Koch, einen Sicherheitsmann, Andrea schmeißt das Büro, Georg führt die Kasse, Christian macht das was er am besten kann und organisiert das Team - ja, und dann sind da noch die beiden Schwätzer, mal sehen, ob wir im weiteren Verlauf der Reise noch eine sinnvolle Einsatzmöglichkeit für diese Spezies finden! Wir arbeiten dran und haben - Gott sei Dank - noch ein paar Tage Zeit, diese Überlegungen zu verfeinern.

Aha, Christian ist schon wieder da - soviel Streß ist das ja gar nicht - ups - der Zoll hat am Sonntag zu! Oioioioioi, jetzt sind wir illegal hier. Dürften das Schiff nicht verlassen. Aber das interessiert mich nicht und den Rest auch nicht. Endlich ein paar Wölkchen am Himmel!

Ein paar Stündchen später - gleicher Ort, ca. 18.00 Uhr

Wir sind alle fix und fertig. Vor lauter Arbeit versteht sich von selbst. Es gibt immer so viel zu tun. Verstopfte Toiletten, dann regnet es mal wieder für 3 Minuten und man muß schnell alle Sachen reinholen. Dann muß ein Eimer Wasser über's Deck gegossen werden. Dann dies, dann das. Irgendwie kommt man gar nicht zur Ruhe. Selbst das Netz - unsere Hängematte für die Philosophie-Stunde - muß geflickt werden. Denn schließlich haben wir hier nur ein Netz ohne doppelten Boden und Wasser hat ja bekanntlich keine Balken - hat meine Oma immer gesagt. Ok, 5 Euro ins Phrasenschwein. Ach ja, und dann bin ich mit Hawe zum Strand geschwommen. Ein bißchen Ruhe dort geniessen, dachten wir. Tja, auch nur gedacht! Wir saßen keine zwei Sekunden, da hatte ich drei kleine schwarze Rastaköpfe am Bein hängen: "What's your name?" . Hawe bekam erstmal den Hund auf den Schoß gesetzt und hatte mindestens vier Rastas, die ihn gleichzeitig mit Wasser bespritzten. Alice hätte ich so mitnehmen können - einfach knuffig.

Ich bin jetzt den 4.Tag hier
- ich glaube, alle anderen auch - aber ich habe noch nicht in mein Buch geguckt. Dabei wollte ich doch unbedingt lesen, was es mit "Emotionaler Intelligenz" (so der Titel) auf sich hat. Bloß, in dieser Umgebung - irgendwie, hm. Vielleicht zuviel Tiefgang und außerdem - man kommt hier auch zu nix vor lauter Hektik! Gleich gibt es übrigens Spaghetti - oder besser Knoblauch mit ein bißchen Spaghetti! Und natürlich - ein bißchen Salami!

18.6.2002 - Zeit: kurz nach dem Frühstück, sprich kurz nach 8

Alle sitzen auf dem Deck, sind pappsatt und gemeinschaftlich werden die wichtigen Themen diskutiert: Welcher Darm ist wie voll. Wer wie oft oder auch gar nicht zum Klo kann etc. Wollen wir dieses überaus spannende Thema verlassen und widmen uns den sonstigen Geschehnissen. Gehen wir mal amerikanisch vor und starten mit den letzten Ereignissen. Da ich einen Tag ausgesetzt habe, notgedrungen - zuviel Arbeit - habe ich einiges an Dokumentation nachzuholen.

Also, gestern abend waren wir in Basil's Bar - weder Mick (Jagger) noch David (Bowie) waren da, aber das hat uns nicht weiter gestört. Schon gar nicht mehr nach dem zweiten Wallbanger. Irgendein fatales grelloranges Gesöff, welches unseren Hawe (Handschuh darf ich nicht mehr sagen) völlig aus dem Leben geschossen hat. Wir liegen hier übrigens auf oder besser vor Mustique - glasklares Wasser - türkis bis dunkelblau - einfach herrlich. Auf der Überfahrt vorgestern hatten wir übrigens die erste Begegnung mit fliegenden Fischen und Delphinen. Jetzt warten wir auf Haie! Christian sagt, die sind gekennzeichnet und tragen eine Aufschrift: Ich tu nix! Na also, dann laß mal kommen. Ich schaue auf, gucke auf einen Strand, Palmen, hellblauer Himmel und mir ist auch schon wieder so warm. Werde mich wohl erstmal in die Fluten begeben! Ok, ich verschiebe ein wenig, den Manfred schreit gerade ich soll notieren: Er könnte jetzt zum Klo! Na prima, so hat hier jeder jeden Tag sein ganz persönliches Erfolgserlebnis. Jetzt glucken wir hier schon eine Woche auf doch relativ engem Raum zusammen. Es bleibt festzustellen, daß wir überhaupt keinen Streß haben. Die Stimmung ist total prima. Ich denke, jeder fühlt sich wohl, es gibt keine Unstimmigkeiten - schon toll! Alles Easy-Going - selbst musiktechnisch sind wir uns - glaube ich - einig. Das wollte ich zumindest mal festhalten - sollten Einwände kommen, werde ich diese notieren. Ach, wenn überhaupt hat bestimmt nur einer wieder einen schlauen Spruch!

Ansonsten sind wir heute morgen beim Frühstück ein bißchen auf die Sozialtauglichkeit der Crew eingegangen: Hawe hat einen Bruder (der ist jünger) - was sagt uns das? Uli hat 3 Geschwister, davon zwei ältere Brüder - das erklärt einiges! Hermann bietet eine 6 Jahre ältere Schwester, Andrea ebenso! Mehr weiß ich nicht, mal sehen, was und welche Schlüsse wir daraus ziehen können! Ich habe dann mal vorsorglich meinen Mund gehalten und habe mich nicht als Einzelkind geoutet - hinterher kommt noch irgendjemand auf Idee und will daraus Schlüsse ziehen ... grins!

Am 19.6. ...

...war die Crew total langweilig und mir blieb nichts anderes übrig als meine schriftstellerischen Fähigkeiten an diesem Tag ruhen zu lassen. Deshalb habe ich zwei Bilder in meine Kladde gemalt: Ein Segelschiff und eine Insel mit zwei Palmen - reichlich kreativ!

20.6. 2002

Bin etwas aus dem Rhythmus gekommen. Hier passiert alle drei Minuten ein Klopps, so daß ich gar nicht nachkomme! Heute war jedenfalls Strandolympiade angesagt. Schwimmen mit Fender, Lasso werfen und - natürlich - Tauziehen.

Todesmutig haben sich Hawe und ich in die Fluten gestürzt - ungeachtet der Bedrohung durch Haie, von denen es hier nur so wimmelt. Wir haben alles gegeben und siehe da, die beste Zeit eingefahren. Dann kam das Lasso - irgendwie wollte es nicht so wie Georg, Uli und Manfred sich das vorstellten. Dieses Lasso sollte um den Hals unseres Käpitans geworfen werden, der sich freiwillig als Zielscheibe zur Verfügung gestellt hatte. Naja, kein Wunder, daß wir nix getroffen haben, wer will schon unseren Kapitän erwürgen??? Da wären wir ja schön blöd.

Aber dann, alle unsere Hoffnungen auf's Tauziehen. Sollte nix schief gehen bei so einem gut getrainierten Team - und wat war? - Nix, gar nix, Manni hat zwar im Sand geankert wie bei Windstärke 8, Uli hat versucht mit kühnen Sprüngen über das Seil den Gegner zu irritieren - alles nichts geholfen - umgefallen wie 4 nässe Sandsäcke - unser Team! Hurra! Verflucht - hier kann man sich nicht konzentrieren - Hawe erzählt gerade, daß er sich seine Haare auf den ZEHEN (!!!) wegrasiert - was soll mir dazu noch einfallen?!?!? Und dann wird auch noch seinerseits behauptet, daß sei erst der Anfang eines vernünftigen Gesprächs, daß er jetzt endlich mal hier an Bord führen möchte - unglaublich! Bin gespannt, welche Geheimnnisse der Intimsphäre hier noch auf den Tisch kommen... Zumindest scheint es so, als hätten wir eine Crew, die sich bestens mit allen Arten und Weisen des Rasierens auskennt - auf nähere Details, die dann noch kamen, will ich an dieser Stelle dann nicht eingehen!

Die Zeit rennt. Es ist Freitag.

Heute beginnen wir schon mit der Rückreise. Gestern abend mußten wir feststellen, daß es sich hier nicht um einen einfachen Segeltörn handelt, sondern doch eher um ein Survival-Training. Mit schwersten Maschinenschaden lagen wir vorgestern in den Tobago Cays. Gut, daß wir noch eins unserer Mitsegelschiffe erreichen konnten, welches uns nach Clifton Harbour schleppte. Dort half uns der lokale Mechaniker aus der Patsche. So konnten wir unsere Fahrt doch noch fortsetzen!

Gestern abend liegt die weiße Flotte dann friedlich in der Salt-Whistle Bay vor Anker - bis sich Vera's Schiff löst und sich in den Ankerleinen von Heinz' Schiff verfängt. Dramatische Szenen in stockdunkler Nacht! Alle Skipper in die Beiboote und mit vereinten Kräften war nach einer halben Stunde auch diese brenzlige Situation überstanden. Völlig fertig von dieser Anspannung bin ich um 10 Uhr auf meinem Beobachtungsposten "Netz" eingeschlafen. Oder war es doch von dem leckeren Essen - das Fisch-Taxi hatte uns nämlich einen fangfrischen, köstlich zubereiteten Baracuda gebracht. Das ist schon alles toll!

Tag: 23.6.2002 - Ups - schon Sonntag - ca. 14.30

Vor einer Stunde sind wir in der blauen Lagune angekommen und liegen jetzt in der Marina von St. Vincent. Habe mich in die Bar verkrümelt und gönne mir einen eiskalten O-Saft. Gleich kommt noch ein Chef-Salat und dann bin ich wohl wieder ganz vorne.

Morgen liegen 60 Seemeilen vor uns - tja, und irgendwie habe ich auf 12 Stunden Segeln eher weniger Lust als mehr - zumindest nach der letzten Erfahrung - hm, schätze, ich habe keine Wahl!

Sitze hier oben im Schatten, mein Blick gleitet über den Yachthafen und die vielen weißen Segelboote - ganz am Rande habe ich mitbekommen, daß die Türkei im Halbfinale auf Brasilien trifft und Deutschland gegen Süd-Korea spielt ts, verrückte Fußballwelt...

Gestern haben wir auf Mustique eine Inselrundfahrt gemacht - in einem offenen Leiterwagen sind wir an ganz kleinen Villen von ganz, ganz armen Menschen vorbeigefahren. Darunter David Bowie, Mick Jagger, Tommi Hilfiger und ein paar Namenlose, die nicht wissen wohin mit ihrer Kohle! Schon übel!

Aber wir sind uns einig: Legal kann man nicht zu so viel Moos kommen!

Tag: 26.6 2002 - Uhrzeit: ca. 11

Ich weiß, meine Dokumentation weist eine Lücke auf. Heute ist Mittwoch und irgendwie sind die letzten drei Tage verflogen wie nichts. Wir befinden uns auf der letzten Etappe. Ein letztes Mal Planschen in der Buch von St.Anne auf Martinique liegt vor uns. Heute abend heißt es: Tasche packen.

Am Montag haben wir den ganz langen Schlag von 65 Seemeilen bewältigt - das bedeutete Aufbruch um 6.00 - ich hatte völlig plattgefahren und mußte bis 10.00 Uhr im Bett liegen bleiben. Gut, daß ich mir freigenommen hatte. Der Wellengang war nicht so schlimm wie befürchtet und wir blieben alle von Reiseübelkeit verschont.
 

Ca. 15.00 Uhr

Mußte aufhören, da wir wieder in heftige Seegewässer vorstießen - jetzt sind wir in St. Anne angekommen - genießen die letzten Minuten in der Sonne und kommen ins Philosophieren: Warum heißen Tampen auf See Tampen und nicht Seil? Warum heißen Fahnen an Bord Flaggen und nicht Fahnen? Alles Fragen, die selbst unseren Kapitän in leichte Verlegenheit bringen. Letztendlich haben wir dann doch festgestellt, daß man manche Dinge wohl besser einfach so hinnehmen muß! Wie im richtigen Leben. Ok - warum auch nicht?!
 

Unter extremen Bedingungen - Wind, Regen, Wellen - schreibe ich gerade diese Zeilen. Wir sehen unseren Heimathafen vor uns - hm, irgendwie ist mir nicht danach Bilanz zu ziehen. Aber ein Sätzchen sollte ich dem ganzen zum Abschluß schön gönnen. Denke ich zumindest. Ha, wer jetzt gedacht hat, hier kommt was - reingefallen. Nö, es gibt doch noch viel zu viele Dinge zu erwähnen. Z.B. haben wir gestern um halb 8 in einer karibischen Bar Fußball geguckt! Deutschland hat auch noch völlig überraschend die roten Teufel aus Süd-Korea mit einem überaus deutlichen 1: 0 Sieg geschlagen - damit stehen wir im Finale der Weltmeisterschaft 2002 am Sonntag gegen Brasilien, die heute die Türkei mit 1:0 aus dem Rennen gekickt haben. So, wir beginnen mit dem Anlegemanöver leichte Anspannung ist zu spüren - ziemlich voll hier und wir müssen ganz schön aufpassen. Rückwärts einparken - irgendwelche Einheimischen brüllen von rechts - wir verstehen kein Wort. Christian entscheidet kurzentschlossen: Wir hören ab jetzt nur noch auf weiße Menschen - klar und insbesondere nur noch auf ihn. Wir liegen - Endstation - für uns so ein wenig wie Endstation Sehnsucht!

Ohje, wir lassen uns den letzten Anleger schmecken, die Crew schlägt offene Worte vor - Abrechnung steht an - Hawe steht sofort in erster Reihe und meckert einfach nur rum! Er will Sex ! Das haut er einfach so raus! Unfaßbar! Damit nicht genug: Bezahlen will er aber nicht dafür! Au man, die Leute von der Polizei - soll mir lieber seine Handschellen geben....

Bums, Uli hat die Zeilen laut vorgelesen und prompt bekomme ich die Retour-Kutsche: Christian, warum hast du eigentlich auch so eine Behinderte mitgenommen! Verstehe jetzt gar nicht, was das wieder soll!!

Resümee, im Großen und Ganzen eine ganz, ganz Runde Sache, 2 Fender müssen wir als Verlust beklagen - die wir uns aber noch schnell zusammengeklaut haben, es hat sich keiner verletzt und Manni hat seinen kleinen Grippe-Infekt wohl überstanden. Ich für mich hoffe nur eins, daß sich meine Trägheit, die sich hier eingestellt hat, wieder eindämmt.

Ist das schön, wir hängen hier so ab, beim 2. Anleger wird festgestellt, daß Hawe leicht ergraute Schläfen hat - man rätselt, ob es an dem großen Streß gelegen hat oder ob das Salzwasser die Tönung verschlissen hat?!? Wir werden es wohl nie erfahren - wie so viele Dinge -

Unserem Skipper haben wir als Dankeschön die Flagge der Grenadines geschenkt - ob er sich wohl gefreut hat? Werden wir wohl auch nie erfahren...

Donnerstag, 27.6.2002 - Uhrzeit: zwischen 9 und 10 Ca. 13.00 Uhr

Ich komm hier zu nix. Der Vormittag war gelaufen als ich bei dem Versuch mein Handy an meiner Börse festzuklemmen eben jenes ganz galant aus den Fingern gleiten ließ, dieses kleine eigensinnige Gerät noch dreimal auf dem Deck hin und her hüpfte, bevor es sich entschloß mit einem beherzten Kopfsprung ins schmierige Wasser des Hafenbeckens zu verschwinden. Weder mein Aufschrei noch intensives Hinterherschauen änderten etwas an der Situation. Ungläubig starrte ich auf die Luftblasen, die vereinzelt aus dem trüben Naß hinaufstiegen. Und doch war mir sofort klar, das ist die brutale Realität - weg - versenkt dieses Mistding. Das Handy selbst - egal, hatte doch noch vor 10 Minuten kurioserweise die Telekom angerufen, um mich über die Neuigkeit zu informieren, daß ich mir ein neues Handy aussuchen darf, da mein Vertrag ausläuft. Von daher - wen interessiert die Hardware - ersetzbar - aber die SIM-Karte und die ganzen Nummern?!?!? Wassertiefe von 1,10 - aber da rein? Im Leben nicht! Dann doch lieber einem Hafenarbeiter für 20 Euro in die Tiefe schicken. Und siehe da - Handy gerettet und Karte funktioniert - immerhin. Ich glaube, das erste was ich tue, wenn ich zu Hause bin, ist ein Handy kaufen, nachdem ich ein Salami-Brot gegessen habe. Salami ist nämlich was ganz besonderes!

Irgendjemand hatte vor Reiseantritt beschlossen, daß wir
20 Salamis mitnehmen müssen um zu überleben. Gesagt, getan. Ganze 7 sind davon am Ende über Bord gegangen. Hätten also rein theoretisch noch eine Woche bleiben müssen. Leider geht das nicht, da wir alle dringende Termine haben!!! Aber schon erstaunlich, wie vielseitig Salami einsetzbar ist: morgens - mittags - abends, schmeckt zu jeder Tageszeit, mit Senf, mit Remoulade, im Rührei, im Eintopf, in der Nudelsoße oder einfach nur pur - in allen Lebenslagen ein Hochgenuß und unser ständiger Begleiter hier an Bord. Es soll ja Dinge geben, an denen man sich einfach nicht satt essen kann. Nun ja...

Es gibt noch so viele Bordgeschichten, die ich einfach vergessen habe, oder besser, wo mir die Zeit gefehlt hat, diese zu notieren.

So, jetzt haben wir noch ca. 2 h, bin gespannt, wann wir uns Wiedersehen, es wird bestimmt ein Crew-internes Nachtreffen geben - 2 Wochen haben wir nun hier auf dem doch relativ engem Raum zusammengehockt - ohne Streß! Zumindest sagt auch Christian, daß es ein harmonisches Miteinander war, und wenn das einer beurteilen kann, dann er! Nach xxxx-Millionen Törns muß er das ja wohl wissen!

Kommen wir zum Abschluß - schließlich muß ich noch duschen und irgendwann ist eh alles vorbei - deshalb werde ich das Büchlein nun rumreichen, damit jeder noch einen spontanen Satz loswerden kann, der ihm durch den Kopf schießt! Wenn ich zu Hause bin, werde ich die Bordgeschichte abtippen - vielleicht kommt dann noch ein Nachwort und unsere Geschäftsidee ist über das Sonnenstudio am Strand auch noch nicht hinausgewachsen - hm, da geht noch was!!!

Los geht's mit den Kommentaren:
Janine:
Meine beliebteste Frage an die Allgemeinheit: "Wieviel Uhr haben wir eigentlich?" - Meistens zu Beginn meiner Schreibstunde - traf leider immer auf allgemeines Stöhnen - Wir sind im Urlaub!!!
 

Hermann, der Koch: Meine Idee ist und bleibt ne vernünftige Metzgerei. Also alles in allem ne runde Sache hier so in'ne Karibik. Gute Leute, gute Kameradschaft, lecker Essen, gut trinken. Die Energietanks sind so gut wie voll. Ich freu mich schon auf die Tour 2003, um deinen Gedanken noch mal aufzugreifen: Endstation Sehnsucht!

  • PS: Du bist ne Nette, bleib so!
     
  • Georg, der Gitarrist (I am sailing...) Ach Gott, ach Gott - der Tag hat so gut angefangen. Und schon wird man vor ein Buch gezerrt und soll irgendwelche Sprüche zu Papier bringen. Aber nach einem solchen Urlaub bleibt mir an dieser Stelle nur noch zu zitieren:-"Wir haben vielleicht nicht alles richtig gemacht..."
    Christian, der Skipper: "... aber viel falsch haben wir auch nicht gemacht!!! Es war ein toller Törn!"
  • Andrea, die Dicke: Hier ne Macke, da ein blauer Fleck. Ein Pfündchen mehr hier, ne Rolle mehr da... (muß an der vielen Salami auf Weißbrot mit ner Tonne Mayonnaise und Senf gelegen haben!) oder an Mannis zig An- und Ablegern vielleicht?
  • Mein Resümé: beim nächsten Mal heirate ich einen reichen Mann (das Boot sollte mindestens ne gute Klimaanlage haben), beim nächsten Törn schlaf ich nicht mehr mit "Schnarcher-Manni" in einer Kabine!!! Und übrigens nehm ich nie mehr die 8-er Kabine (wegen nächtlicher Ruhestörung), aber ansonsten war alles ok! ... und ich spül nie wieder (glaube ich)!!!!
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